Hosea und die Wohlstandsfalle
Hos 10, 1-3. 7-8. 12 Mittwoch, 14 Woche
Israel war ein üppiger Weinstock, der seine Frucht brachte. Je fruchtbarer er war, desto zahlreicher machte man die Altäre. Je schöner sein Land wurde, umso schöner schmückten sie die Steinmale. 2Ihr Herz ist geteilt, jetzt müssen sie büßen: Er selbst wird ihre Altäre zerbrechen, ihre Steinmale verwüsten. 3Dann werden sie sagen: Wir haben keinen König mehr; denn wir haben den Herrn nicht gefürchtet. Aber auch ein König – was könnte er für uns tun? 7Vernichtet ist Samária, sein König – wie ein abgebrochener Zweig auf dem Wasser. 8Verwüstet werden die Kulthöhen von Awen, die Sünde Israels: Dornen und Disteln werden ihre Altäre überwuchern. Dann wird man zu den Bergen sagen: Deckt uns zu! und zu den Hügeln: Fallt auf uns! 12Sät für euch in Gerechtigkeit, erntet in Liebe! Nehmt Neuland unter den Pflug! Es ist Zeit, den Herrn zu suchen; dann wird er kommen
Der Prophet Hosea spricht im 8. Jahrhundert v. Chr. in eine Zeit hinein, die unserer heutigen erstaunlich ähnlich ist: Es herrschte wirtschaftlicher Wohlstand, der jedoch von tiefer sozialer Ungerechtigkeit und innerer Entfremdung von Gott begleitet war. Kurz vor dem Untergang des Nordreichs Israel durch die Assyrer (722 v. Chr.) zieht Hosea in Kapitel 10 Bilanz.
Die Wohlstandsfalle - Je fruchtbarer er war, desto zahlreicher machte man die Altäre -
Wohlstand und Reichtum an sich sind nicht verwerflich. Wohlstand kann aber eine Illusion von Unabhängigkeit und Autonomie schaffen. Das Tragische ist, dass Israel den Segen Gottes nimmt, um damit Götzenaltäre zu bauen. Heute bauen wir keine steinernen Altäre mehr, aber wir vertrauen auf Geld, Gesundheit, Statussymbole. Je mehr wir davon haben, desto lauter flüstert die Stimme in uns: „Ich habe mir das selbst erarbeitet, ich brauche niemanden“.
Ihr Herz ist geteilt
Man vergisst Gott nicht von einem Augenblick auf den anderen, es ist einschleichender Prozess. Man will beides: Gottes Segen und die Annehmlichkeiten der Welt. Aber ein geteiltes Herz verliert am Ende den Glauben ganz.
Dann wird man zu den Bergen sagen: Deckt uns zu!
Wenn das Gericht (hier die assyrische Invasion) hereinbricht, wird die Lebenslüge des Volkes sichtbar. Der König schwimmt weg wie ein „abgebrochener Zweig auf dem Wasser“ (Vers 7). Die prunkvollen Altäre werden von Dornen und Disteln überwuchert (Vers 8). In diesem Moment erkennt das Volk den Abgrund der eigenen Gottverlassenheit.
Dann wird man zu den Bergen sagen: Deckt uns zu!
Wenn die Illusionen des Wohlstands und der falschen Sicherheit zerbrechen, stehen die Menschen plötzlich nackt und ungeschützt vor der Realität ihres Lebens und vor Gott. Die Masken fallen. Der Wunsch, dass die Berge auf sie fallen, ist der Wunsch, sich vor diesem Blick Gottes zu verstecken. Es ist eine tiefe Scham – ähnlich wie bei Adam und Eva, die sich nach dem Sündenfall im Busch versteckten. Man hält die eigene Wahrheit nicht mehr aus.
Dann wird man zu den Bergen sagen: Deckt uns zu!
Der Satz bedeutet wörtlich: „Es wäre mir lieber, lebendig unter Tonnen von Gestein begraben zu werden, als diesen Moment der Abrechnung und des Zusammenbruchs miterleben zu müssen.“ Die Scham über die eigenen Lebenslügen wird so groß, dass man den eigenen Tod vorzieht.
Dann wird man zu den Bergen sagen: Deckt uns zu!
Dieses Bild ist so stark, dass es im Neuen Testament zweimal aufgegriffen wird:
- Lk 23,30: Auf dem Kreuzweg benutzt Jesus dieses Wort aus Hosea als Warnung vor dem kommenden Gericht über Jerusalem.
- Offb 6,16: Als das sechste Siegel geöffnet wurde, geraten die Menschen in Panik, als sie begreifen, dass sie ihr Leben auf Sand gesetzt haben.
Der Ausweg - Es ist Zeit, den Herrn zu suchen; dann wird er kommen.
Es ist Zeit, den HERRN zu suchen". Das ist die eigentliche Antwort auf das Problem der vielen Altäre: nicht eine äußere Frömmigkeit, sondern die Rückkehr zu einer einzigen, echten Beziehung zu Jesus.
Bild: Edgar Wunsch
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