Koh 1, 2-11 Donnerstag, 25. Woche
Windhauch, Windhauch, sagte Kohelet, Windhauch, Windhauch, das ist alles Windhauch. Welchen Vorteil hat der Mensch von all seinem Besitz, für den er sich anstrengt unter der Sonne? Eine Generation geht, eine andere kommt. Die Erde steht in Ewigkeit. Die Sonne, die aufging und wieder unterging, atemlos jagt sie zurück an den Ort, wo sie wieder aufgeht. Er weht nach Süden, dreht nach Norden, dreht, dreht, weht, der Wind. Weil er sich immerzu dreht, kehrt er zurück, der Wind. Alle Flüsse fließen ins Meer, das Meer wird nicht voll. Zu dem Ort, wo die Flüsse entspringen, kehren sie zurück, um wieder zu entspringen. Alle Dinge sind rastlos tätig, kein Mensch kann alles ausdrücken, nie wird ein Auge satt, wenn es beobachtet, nie wird ein Ohr vom Hören voll. Was geschehen ist, wird wieder geschehen, was man getan hat, wird man wieder tun: Es gibt nichts Neues unter der Sonne. Zwar gibt es bisweilen ein Ding, von dem es heißt: Sieh dir das an, das ist etwas Neues - aber auch das gab es schon in den Zeiten, die vor uns gewesen sind. Nur gibt es keine Erinnerung an die Früheren, und auch an die Späteren, die erst kommen werden, auch an sie wird es keine Erinnerung geben bei denen, die noch später kommen werden.
Welchen Vorteil hat der Mensch von all seinem Besitz?
Die Frage Kohelets lautet: Welchen Vorteil hat der Mensch von all seinem Besitz, für den er sich anstrengt unter der Sonne? Wir heutigen Menschen bringen dies auf die Kurzformel: Was bringt‘s?
Es gibt kein Bleiben, alles ist ständig in Bewegung. Wir befinden uns in einem Kreislauf, in einer stets gleichen Tretmühle. Die Elemente Sonne, Wind und Wasser rauschen über den Menschen hinweg, ohne ihn zu beachten.
Es gibt nichts Neues unter der Sonne.
Die Welt um uns herum läuft ab, sie kommt und sie geht. Auch der Mensch kommt und geht. Auch jene, die nach uns kommen, werden geboren, sie leben und sterben. Es ist ein stets gleicher Kreislauf, es gibt nichts Neues unter der Sonne. Kein Mensch kann diesen Kreislauf aufhalten.
Kohelet hat vor Tausenden von Jahren diese Frage nach der Vergänglichkeit gestellt und diese Einsicht kann auch der Mensch im 21. Jahrhundert nach-vollziehen.
Es gibt nichts Neues unter der Sonne.
Vielleicht ist die Frage nach dem Sinn des Lebens in einer hoch technisierten Welt, wo einem fast alles zur Verfügung steht, noch stärker in unseren Herzen am Brennen als zur Zeit Kohelets.
Es gibt nichts Neues unter der Sonne.
Ich stimme diesem Satz nicht zu. Wenn ich versuche, jeden Augenblick so zu leben, dass er sich öffnet auf Gott hin, dann kann Gott auch in jedem Augenblick in mein Leben einbrechen. Die Fragen der Welt werden kleiner, wenn Gott die Seele eines Menschen berührt. Darum kann es in jedem Augenblick etwas Neues unter der Sonne geben. Gott kann sich mir in jedem Augenblick neu und tiefer offenbaren.
Koh 3, 1-11 Freitag, 25. Woche
Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit: eine Zeit zum Gebären und eine Zeit zum Sterben, eine Zeit zum Pflanzen und eine Zeit zum Abernten der Pflanzen, eine Zeit zum Töten und eine Zeit zum Heilen, eine Zeit zum Niederreißen und eine Zeit zum Bauen, eine Zeit zum Weinen und eine Zeit zum Lachen, eine Zeit für die Klage und eine Zeit für den Tanz; eine Zeit zum Steinewerfen und eine Zeit zum Steinesammeln, eine Zeit zum Umarmen und eine Zeit, die Umarmung zu lösen, eine Zeit zum Suchen und eine Zeit zum Verlieren, eine Zeit zum Behalten und eine Zeit zum Wegwerfen, eine Zeit zum Zerreißen und eine Zeit zum Zusammennähen, eine Zeit zum Schweigen und eine Zeit zum Reden, eine Zeit zum Lieben und eine Zeit zum Hassen, eine Zeit für den Krieg und eine Zeit für den Frieden. Ich sah mir das Geschäft an, für das jeder Mensch durch Gottes Auftrag sich abmüht. Gott hat das alles zu seiner Zeit auf vollkommene Weise getan. Überdies hat er die Ewigkeit in alles hineingelegt, doch ohne dass der Mensch das Tun, das Gott getan hat, von seinem Anfang bis zu seinem Ende wieder finden könnte.
Alles hat seine Stunde.
Wenn alles seine Stunde hat, dann hat auch Gott seine Stunde schon geplant, in welcher er beschlossen hat, sich Dir zu offenbaren. Vielleicht ist diese Stunde bereits angebrochen, jetzt, da Du diese Zeilen liest. Alles hat seine Stunde. Auch Gott hat seine Stunde.
Alles hat seine Stunde.
Die Stunden dieses Tages sollen heute nicht zu schnell an mir vorbeifliegen. Ich möchte wenigstens versuchen, die Stunden bewusst zu leben, damit ich Gottes Gegenwart wahrnehmen kann. Ich schreibe diese Zeilen in aller Frühe um 6:20 Uhr und ich weiß schon jetzt, dass ein volles Tagesprogramm auf mich wartet. Aber irgendwo in den Stunden dieses Tages ist der Moment, in dem Gott auf mich wartet. Ich möchte diese Stunde nicht an mir vorbeirauschen lassen, sondern jenen Moment, jene Stunde, in der Gott mich berührt, genießen.
Koh 11, 9 - 12, 8 Samstag, 25. Woche
Freu dich, junger Mann, in deiner Jugend, sei heiteren Herzens in deinen frühen Jahren! Geh auf den Wegen, die dein Herz dir sagt, zu dem, was deine Augen vor sich sehen. Aber sei dir bewusst, dass Gott dich für all das vor Gericht ziehen wird. Halte deinen Sinn von Ärger frei, und schütz deinen Leib vor Krankheit; denn die Jugend und das dunkle Haar sind Windhauch. Denk an deinen Schöpfer in deinen frühen Jahren, ehe die Tage der Krankheit kommen und die Jahre dich erreichen, von denen du sagen wirst: Ich mag sie nicht!, ehe Sonne und Licht und Mond und Sterne erlöschen und auch nach dem Regen wieder Wolken aufziehen: am Tag, da die Wächter des Hauses zittern, die starken Männer sich krümmen, die Müllerinnen ihre Arbeit einstellen, weil sie zu wenige sind, es dunkel wird bei den Frauen, die aus den Fenstern blicken, und das Tor zur Straße verschlossen wird; wenn das Geräusch der Mühle verstummt, steht man auf beim Zwitschern der Vögel, doch die Töne des Lieds verklingen; selbst vor der Anhöhe fürchtet man sich und vor den Schrecken am Weg; der Mandelbaum blüht, die Heuschrecke schleppt sich dahin, die Frucht der Kaper platzt, doch ein Mensch geht zu seinem ewigen Haus, und die Klagenden ziehen durch die Straßen - ja, ehe die silberne Schnur zerreißt, die goldene Schale bricht, der Krug an der Quelle zerschmettert wird, das Rad zerbrochen in die Grube fällt, der Staub auf die Erde zurückfällt als das, was er war, und der Atem zu Gott zurückkehrt, der ihn gegeben hat. Windhauch, Windhauch, sagte Kohelet, das ist alles Windhauch.
Halte deinen Sinn von Ärger frei.
Manchmal, wenn wir uns aufregen, sagen wir sehr schnell: Der oder die ärgert mich! Aber eigentlich müsste ich sagen: Ich ärgere mich. Meine Gefühle gehören doch mir. Ich ärgere mich! Der andere bringt nur das in mir zum Schwingen, was schon da ist. Wäre ich mit mir ganz im Reinen, dann bliebe ich cool und würde mich nicht ärgern.
Nicht der andere ärgert mich, sondern ich ärgere mich.
Der ärgert mich.
Eigentlich müsste ich „dem, der mich ärgert“ dankbar sein, denn er macht mich auf etwas aufmerksam, was in mir noch der Reifung bedarf. Wenn ich mich ärgere, dann stelle ich bei mir plötzlich fest, dass ich doch noch nicht so ausgeglichen bin, wie ich es gerne hätte.
Die Kratzbürste
Lieber Gott, bitte segne die Kratzbürste, "die mich ärgert", denn sie zeigt mir lediglich das, was in mir ist. Meine Gefühle gehören mir und nicht „dem, der mich ärgert“. Die Kratzbürste bringt also lediglich das zum Schwingen und fördert das an die Oberfläche, was in mir immer noch da ist. Die Kratzbürste zeigt mir, wie ich wirklich bin. Danke, liebe Kratzbürste.

