Herr Pfarrer, ich kennen Sie ganz genau
1 Kor 2, 10b-16 Dienstag, 22. Woche
Brüder! Der Geist ergründet alles, auch die Tiefen Gottes. Wer von den Menschen kennt den Menschen, wenn nicht der Geist des Menschen, der in ihm ist? So erkennt auch keiner Gott - nur der Geist Gottes. Wir aber haben nicht den Geist der Welt empfangen, sondern den Geist, der aus Gott stammt, damit wir das erkennen, was uns von Gott geschenkt worden ist. Davon reden wir auch, nicht mit Worten, wie menschliche Weisheit sie lehrt, sondern wie der Geist sie lehrt, indem wir den Geisterfüllten das Wirken des Geistes deuten. Der irdisch gesinnte Mensch aber lässt sich nicht auf das ein, was vom Geist Gottes kommt. Torheit ist es für ihn, und er kann es nicht verstehen, weil es nur mit Hilfe des Geistes beurteilt werden kann. Der geisterfüllte Mensch urteilt über alles, ihn aber vermag niemand zu beurteilen. Denn wer begreift den Geist des Herrn? Wer kann ihn belehren?
Ich kenne sie ganz genau?
Vor einiger Zeit sagte jemand zu mir: „Herr Pfarrer Wunsch, ich kenne Sie ganz genau.“ Ich habe nicht wenig über diesen Satz gestaunt, denn dieser Mensch kann mich erst seit ungefähr zwei Jahren kennen, denn vorher sind wir uns noch nie begegnet. Er hat mich von der Ferne beobachtet, hat sicher einige Predigten von mir gehört und sich mit anderen über mich ausgetauscht. Und nun war er der Meinung, mich ganz genau zu kennen. Er wusste nichts aus meiner Lebensgeschichte, er wusste nicht von meinen Krankheiten und war mit meinen Sorgen und Nöten nicht vertraut.
Ich kenne mich ganz genau?
Durch diese Bemerkung wurde mir wieder einmal bewusst, wie wenig wir Menschen doch voneinander wissen. Manchmal kennen wir uns selbst nicht einmal und stehen erschrocken vor den Abgründen unseres eigenen Herzens. Die heutige Lesung hat recht, wenn sie die Frage aufwirft: Wer von den Menschen kennt den Menschen, wenn nicht der Geist des Menschen, der in ihm ist?
Wenn der Mensch aber sich selbst oft genug ein Rätsel ist und bleibt, welch geheimnisvolle Tiefen sind dann erst im Gott.
Ich kenne Gott ganz genau?
Adolf Pohl schreibt im Kommentar zum Korintherbrief in der Wuppertaler Studienbibel: „Wie jämmerlich klein und arm ist meist auch unser Denken über Gott. Wie einfach meinen wir den lieben Gott erkennen zu können. Wie selbstverständlich maßen wir uns an, ihn zu verstehen.“
Wir aber haben den Geist Christi.
Mit diesem Satz endet die heutige Lesung. Wenn nun aber der Geist Gottes in uns ist, dann kann Gott uns auch zeigen, wer wir selber sind, und er kann uns auch seine eigenen Tiefen offenbaren.
Heute ist wieder eine gute Chance, auf Gottes Geist, der in mir ist, zu hören.
Bild: Edgar Wunsch
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